Posterous theme by Cory Watilo

Finkenrath erwacht...

... nur langsam, rollt sich rückenschonend in die Sitzposition. Er fühlt dem Strömen in seinem Kopf nach, öffnet die Augen und testet die aktuelle Sehschärfe. Rechts Nebel, wie oft morgens seit dem Lasern. Links ist in Ordnung.

Er sucht seine Hausschuhe. Sein Blick fällt auf seine nackten Unterschenkel und Füße. Er ist überrascht: Die sehen noch wie neu aus! Wie immer! Kaum Altersanzeichen, auch bei näherem Hinsehen, mit dem linken Auge.

Ob das Altern im Kopf beginnt?

Er denkt an die fast jugendliche Haut des Leichnams seines Vaters.

Finkenrath nimmt sich für heute einen raschen Spaziergang vor.

Finkenrath fragt sich, was Musik mit ihm macht und er mit ihr

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Der Anfang: Klavier

 

Es ist vielleicht vierzig Jahre her, da trug mir der Wind ein Instrument zu.

Aus offenem Fenster erklangen unverhofft Piano-Töne. Übe-Töne waren es, aber sie trafen mich mitten ins Herz.

Heute noch weiß ich, wie die Straße aussah. Recklinghäuser Kohlestaub-Villen.  Ich kann das Wetter beschreiben: Spätsommer, bedeckter Himmel. Vielleicht noch 20 Grad, gegen 15 Uhr. Das Fenster verdeckt von belaubten Straßenbäumen.

 

Weckruf:  Posaune

 

Lüdenscheid leistet sich eine wunderbare Bücherei mit gr0ßer Musikabteilung.

Bequeme Sessel, Kopfhörer.

Ich greife ohne absicht ein Album von Nils Landgren: Sentimental Journey.

Nach den ersten Tönen seiner Posaune, hier so gar nicht funky wie ich ihn jetzt kenne, bin ich verzaubert und will umgehend so spielen können wie er. So leise, so hingetupft, so „gesanglich“. Wenn er dann dazu noch singt mit seiner verhauchten Stimme, so nah: Dann will ich so spielen wie er.

Ich ahne nicht, auf welche Reise ich mich da begebe. Das Ziel bleibt, aber es ist nach fünf Jahren nicht sehr viel näher gekommen.

 

Anmut: Flöte

 

Wieder ist es der Wind, der aus nicht erkennbarer Ferne dunkle Flötentöne mir zuträgt. Traurige, langsame Töne. Übe-Töne vielleicht.

Die Melancholie dieses Instrumentes nimmt mich gefangen.

Ich weiß heute, auf  welche Reise ich mich begebe. Aber ich zögere keinen Augenblick.

 

 

Was geschieht da? Ich weiß nur so viel: Es muss jemand ernsthaft musizieren, sonst wirkt es nicht.

Ich hörte, unverhofft wieder, Saxophonklänge aus einen Musikladen. Das waren bloß Geräusche. jemand testete zwei Instrumente. Rein technisch. Das kommt nicht an, stört sogar.

Es muss sich um eine Schwingung handeln, die in der Seele des Menschen entstehen kann, wenn eine andere Seele musiziert. Resonanzen, die uns aus dem Jetzt entführen ins Reich der Musik.

In dieses Reich will ich aufgenommen werden. Nicht immer nur unverhofft, sondern absichtsvoll.

 

Finkenrath liest vor

(download)

Finkenrath schrieb dieses Gedicht 1995 in Erinnerung an seine Großmutter, bei der er als Kind oft die Ferien verbrachte.

Anmerkung für die Jugend: Ein Paradekissen ist ein zur Zierde auf dem eigentlichen Kopfkissen liegendes, größeres Kissen mit Stickereien oder anderen Verzierungen. [1]

Am Ende des Ganges

Finkenrath hat Fluraufsicht. Wacht über Klogänger, notiert ihre Zeiten. Abiturklausuren werden geschrieben. Hier wie im ganzen Land. Im Schnitt entleeren sich die Studierenden in zwei Minuten. Weiß Finkenrath aus jahrelanger Erfahrung. Das wir auch hier so sein, in dem Schulgebäude, das er kaum kennt, weil er normalerweise in der abgelegenen Außenstelle arbeitet.
Es zieht. Der Flur im Backsteingebäude aus den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts ist fast hundert Meter lang. Ein Bildungsgeburtskanal. Grau gestrichen mit Ölfarbe. Grau belegt mit PVC. Die Decke ist drei Meter hoch. Man hat sich Rundbögen über den Klassentüren geleistet. Die Türen selbst sind in einem etwas helleren Grau abgesetzt. Verspieltheit nach preußischer Art. Das Haus könnte auch als Kaserne oder Lazarett dienen.
Finkenrath notiert: „Herr Stellmacher, 10.30 bis 10.33 Uhr.“ Eine Minute zu lang.
Man hat Stellwände quergestellt, die allen Nichtprüflingen den Gang zum Klo versagen sollen. Finkenrath schickt die Bedürftigen in den Keller, wo es dem Vernehmen nach ein Ausweichklo gibt. Ein älterer Herr kommt nach wenigen Minuten wieder hoch und brüllt: „Das Scheißklo ist abgeschlossen. Ich muss pissen! Ich pinkel jetzt an die Wand!“ Und stürzt ins Treppenhaus. Eine volle Blase genügt, um aus einem gesetzten Herrn einen Amokpinkler zu machen.
„Frau Schultheiß, 10.40 bis 10.41 Uhr“. Wie macht sie das?
Finkenrath prüft seinen Blasendruck. Er muss bis 13.00 Uhr durchhalten. War vor Dienstantritt noch mal kurz. Hat sich den Automatenkaffee verkniffen. Ob auch er Amokpinkler werden könnte? Er, der immer alles in sich hineinfrisst? Doch. Selbst er.
Die Glastür zum Treppenhaus hat eine Drahtgeflechteinlage. Finkenrath sieht den Kollegen Werder ums Eck kommen. Gleich wird es zur Stunde läuten. - Es gongt im C-Dur Akkord. Werder grüßt und verschwindet in R 114. Andere Türen fallen ins Schloss. Stundenbeginn. Wortfetzen von Werder: „Summa summarum.... sechsmal die Fünf...“ Werder gibt Mathe. Finkenrath hatte das vergessen.
Da erklingt eine Tonleiter wie von fern. Klarinettentöne, sauber aufgereiht. Akkorde mischen sich ein: Klavierakkorde. Finkenrath ist berührt, hat damit überhaupt nicht gerechnet. An seiner Schule gibt es keinen Musikunterricht. Er hebt den Kopf, um besser zu hören. Aber es ist schon vorbei.
Werder schreibt an die Tafel. Kreide knirscht durch die Tür. Und Werder liest laut vor, was er schreibt. Summa summarum. Finkenrath sackt wieder über seinem Protokoll zusammen. Macht seine Atemübung, bei der ihm sein dicker Bauch auffällt. 11.10 Uhr. Er heftet seinen Blick auf das Ende des Flures. Unscharf erkennt er dort eine Tür. Weiß. Davor eine Studierende, einen Beutel mit der Linken tragend. Sie steht aufrecht vor der Tür, den Rücken zum Flur, als warte sie, dass jemand sein Herein! rufe. Eine halbe Minute bestimmt. Dann legt sie den Beutel ab. Finkenrath setzt die Brille auf, reckt sich über den Tisch, damit er besser sieht. Sieht die Figur am Ende, die nun die Arme zur Decke, zum Himmel streckt, das linke Bein anwinkelt, die Fußfläche ans rechte Bein bringt, dann wieder das linke streckend zu einer unerhörten Musik. Die Figur dann spiegelt, symmetrisch an einer gedachten Achse. Ganz leicht sieht das alles aus. Federleicht, als könne sie fortfliegen. Dreht sich dann in einer Pirouette vor dieser weißen Tür und kommt zum Stehen. Nimmt den Beutel und entschwindet durch die weiße Tür.
Finkenrath weiß, dass er mit niemandem über dieses Bild sprechen kann. Er protokolliert: „Frau Engel, 11.20 bis 11.25.“

manifest der todgeweihten

(kinderhospiz balthasar 2009)


dass jeder so sterben darf
so freudig erwartet im hellen haus

dein vorname schon groß und bunt an der zimmertür
umfangen von festen warmen stimmen
tv und cd sowieso
und dein lieblingsessen
notfalls angereicht

gesnoezelt wird auf weichen kissen
weiße weiche warme arme halten dich

deine lebensgeschichte wirfst du in klangschalen
und mit großer geste aufs papier 

und alle sind da wirklich alle
mutter vater schwester bruder
frau und mann 
die kinder 
freunde

im abschiedsraum
schließlich
ist schluss mit lustig

die tapferen clowns
weinen in der garderobe

doch der tod
entpuppt sich
als das tor zum leben 
in fülle

dass jeder so sterben darf
dass jeder so leben darf

Kaspar Finkenrath, im 56. Jahr

Finkenrath macht Ferien

Manches will Finkenrath einfach nicht wissen und nicht behalten. 
Seine Kontonummer muss er auf seiner Karte ablesen, wenn er gefragt wird. Das Konto hat er seit elf Jahren, aber er hat es nie geliebt. Es war ihm passiert, online. Plötzlich hatte er ein Konto in Kiel, wo er noch nie war.

Er will auch nicht wissen, wann die Schule wieder anfängt. Und er wird oft gefragt, von Regina, den Kindern. Auch Nachbarn fragen schon mal, dann meist mit dem Unterton: Wann fängst du endlich wieder an zu arbeiten?!
Er gibt sich dann souverän: Man wird mich schon informieren, denn ohne mich können sie nichts tun.

Diese mühsame Distanz durchbricht ein Anruf in den Ferien. Finkenrath hatte sich gerade in die Trauer um den Tod Loriots versenkt.

Das Display zeigt eine Handynummer, unbekannt. Aber sofort nach dem Abheben gibt sich der Anrufer kurz und deutlich als neuer Kollege zu erkennen: . ...erste Stelle...habe da ein paar Fragen...Sie haben doch auch eine 11....

Die Stimme ist eine hohe Lehrerstimme, aufgeregt und voller Tatendrang. Es kommt dem Anrufer nicht in den Sinn, dass er heilige Gesetze durchbricht. Er will auf der Stelle wissen, welche Themenfolge das Curriculum für dieses Jahr festlegt.

Finkenrath muss bluffen, denn er erinnert sich nicht. Im Grunde weiß der Anrufer es besser, und er muss ihn nur bestätigen.

Der Anrufer hält es für eine prima Idee, doch einmal zusammenzukommen und „Material“ auszutauschen.

Finkenrath erinnert sich an etwa 25 Sitzungen zwecks Materialaustausch, von denen auch nicht eine die Arbeit erleichtert hat. 
Er sieht vor sich die eigens aufgestellten Material-Sammelordner in den Lehrerzimmern, die allesamt an Unterernährung leiden.

Prima Idee, sagt Finkenrath. Er kann doch diesem Eifer nicht seine „Erfahrung“ entgegenschleudern. 
Er sieht sich selbst vor 30 Jahren, voller Eifer Matrizen betippend und verteilend - verteilte und betippte Matrizen lesend.

Prima Idee, sagt er noch einmal. Es gelingt ihm gerade noch, ein Sondertreffen abzuwenden und den Anrufer auf die nächste amtliche Fachschaftssitzung zu vertrösten.

Dann fragt er noch, wann denn die Schule wieder anfängt.

Ach was....