Finkenrath fragt sich, was Musik mit ihm macht und er mit ihr
Der Anfang: Klavier
Es ist vielleicht vierzig Jahre her, da trug mir der Wind ein Instrument zu.
Aus offenem Fenster erklangen unverhofft Piano-Töne. Übe-Töne waren es, aber sie trafen mich mitten ins Herz.
Heute noch weiß ich, wie die Straße aussah. Recklinghäuser Kohlestaub-Villen. Ich kann das Wetter beschreiben: Spätsommer, bedeckter Himmel. Vielleicht noch 20 Grad, gegen 15 Uhr. Das Fenster verdeckt von belaubten Straßenbäumen.
Weckruf: Posaune
Lüdenscheid leistet sich eine wunderbare Bücherei mit gr0ßer Musikabteilung.
Bequeme Sessel, Kopfhörer.
Ich greife ohne absicht ein Album von Nils Landgren: Sentimental Journey.
Nach den ersten Tönen seiner Posaune, hier so gar nicht funky wie ich ihn jetzt kenne, bin ich verzaubert und will umgehend so spielen können wie er. So leise, so hingetupft, so „gesanglich“. Wenn er dann dazu noch singt mit seiner verhauchten Stimme, so nah: Dann will ich so spielen wie er.
Ich ahne nicht, auf welche Reise ich mich da begebe. Das Ziel bleibt, aber es ist nach fünf Jahren nicht sehr viel näher gekommen.
Anmut: Flöte
Wieder ist es der Wind, der aus nicht erkennbarer Ferne dunkle Flötentöne mir zuträgt. Traurige, langsame Töne. Übe-Töne vielleicht.
Die Melancholie dieses Instrumentes nimmt mich gefangen.
Ich weiß heute, auf welche Reise ich mich begebe. Aber ich zögere keinen Augenblick.
Was geschieht da? Ich weiß nur so viel: Es muss jemand ernsthaft musizieren, sonst wirkt es nicht.
Ich hörte, unverhofft wieder, Saxophonklänge aus einen Musikladen. Das waren bloß Geräusche. jemand testete zwei Instrumente. Rein technisch. Das kommt nicht an, stört sogar.
Es muss sich um eine Schwingung handeln, die in der Seele des Menschen entstehen kann, wenn eine andere Seele musiziert. Resonanzen, die uns aus dem Jetzt entführen ins Reich der Musik.
In dieses Reich will ich aufgenommen werden. Nicht immer nur unverhofft, sondern absichtsvoll.
